Die Zahlen sinken seit Jahren, doch sie sind noch immer viel zu hoch. 2021 haben mehr als 700 Fußgänger:innen und Radler:innen bei Verkehrsunfällen in Deutschland ihr Leben verloren. Über 106.000 Personen wurden verletzt, fast 80 Prozent von ihnen Radfahrer:innen. Keine Frage: Die Schwächsten im Verkehr – Fachbegriff „Vulnerable Road User“ (VRU) – brauchen mehr Schutz. Aber wie?

Eine Antwort darauf könnte Vernetzung sein – und zwar nicht übers Mobilfunknetz, sondern lokal und spontan. Die deutschen Autohersteller und ihre Zulieferer arbeiten daran, Volkswagen vorneweg. Die neuen Modelle der Wolfsburger können sich über den Kurzstrecken-Funkstandard WLANp gegenseitig auf kritische Situationen hinweisen, etwa, wenn sie Pannenautos oder Einsatzfahrzeuge erkennen, ganz ohne Umweg über das Internet. Außerorts funktioniert das auf bis zu 800 Meter Entfernung, innerorts reicht das Signal im Minimum 200 Meter weit – genug Zeit, für den Fahrer, um zu reagieren, wenn das Auto ihn warnt. Kann das auch Fußgänger:innen und Radfahrer:innen nützen?

Natürlich könnte man ihnen eine Smartphone-App zur Verfügung stellen, die Warnsignale empfängt. Aber dafür müssten zum einen die Handys für WLANp ertüchtigt werden, und zum anderen müsste die Warnung den Menschen zuverlässig erreichen und alarmieren. Und das ist unwahrscheinlich, zumal kleine Kinder und sehr alte Menschen häufig gar kein Smartphone besitzen. 

So visualisiert Continental die Vernetzung mit anderen Autos und der Infrastruktur

Volkswagen und der Zulieferer Continental streben darum eine andere Lösung an: Fahrzeuge, die mit WLANp ausgestattet sind, kommunizieren nicht mit den Menschen auf der Straße, sondern mit der Verkehrsinfrastruktur (V2X, Vehicle-to-everything). Auf Kreuzungen werden Radarsensoren und Kameras an Ampeln oder eigenen Masten installiert. Sie beobachten die Fahrbahnen, und wenn sie eine potenziell gefährliche Situation erkennen, geht ein Warnsignal an die Autos, die davon betroffen sein könnten. Dabei kann es um einen Menschen oder einen Hund gehen, der spontan auf die Straße läuft, oder auch um einen umgestürzten Baum. Aus ihrem erhöhten Blickwinkel können die Ampel-Sensoren auch Situationen erkennen, die den Sensoren der Autos und dem Blick der Fahrer:innen verborgen bleiben – etwa dann, wenn der Schulbus ein Kind verdeckt, das über die Fahrbahn rennt.

In einigen deutschen Städten gibt es bereits solche Installationen im Testbetrieb, in der japanischen Hauptstadt Tokio sind eine Handvoll Kreuzungen fest damit ausgestattet. Dort allerdings steht für den Direktfunk nur eine geringe Frequenz-Bandbreite bereit, die seine Nutzungsmöglichkeiten einengt. Und in den USA hat die zuständige Behörde FCC die WLANp-Technologie Ende 2019 faktisch gestoppt. Kurz zuvor scheiterte bereit der Plan der EU-Kommission, WLANp zur Pflicht zu machen. 

„Potenzial, binnen 15 Jahren dabei zu helfen, die Todeszahlen um ein Viertel zu senken“

Bettina Erdem, Continental

Wird sich der lokale Funk trotzdem durchsetzen können? Und wenn ja, wann? Bettina Erdem, die bei Continental die Arbeit in den internationalen Gremien verantwortet, ist zuversichtlich. Zurzeit, berichtet sie, läuft die Standardisierung für den Nachrichtentyp CPM (Cooperative Perception Message), der sich auf V2X-Direktkommunikation aufsetzen lässt; hier wird bis zu 15-mal pro Sekunde eine Liste mit erkannten Objekten verschickt. „Anfang 2023 müsste die Standardisierung abgeschlossen sein“, sagt Bettina Erdem. „Und etwa drei Jahre später könnte die Technik auf breiter Front zum Einsatz kommen. Zusammen mit den Fahrzeug-Sensoren und intelligenter Infrastruktur hat V2X mit CPM das Potenzial, binnen 15 Jahren dabei zu helfen, die Todeszahlen unter den Fußgängern und Radfahrern um drei Viertel zu senken.“ 

Und wer soll das bezahlen? Bettina Erdem nimmt die Politik vor Ort in die Pflicht. „Der Schutz der besonders verwundbaren Verkehrsteilnehmer ist Sache der Städte, denn sie verantworten die Verkehrssicherheit. Wenn eine Stadt eine Ampelanlage erneuert, was immer viel Geld kostet, sollte sie V2X gleich einbauen. Finanziell ist das nur ein kleiner Posten, aber es schafft ein Sicherheitsumfeld.“ Aktiv kommunizierende Ampeln haben noch weitere Vorteile, führt die Expertin von Continental aus. „Wenn ein Auto Signale von den Ampeln in seiner Nähe erhält, kann der Fahrer das Tempo an die grüne Welle anpassen – das macht den Verkehr flüssiger und spart Energie. Darüber hinaus kann man die Technik nutzen, um Busse und Bahnen zu priorisieren. Das erfolgt heute mit einer alten Funktechnik, die nicht mehr zukunftsfähig ist.“