Ausreden, warum ein Elektroauto kein adäquater Ersatz für einen Verbrenner sei, gibt es wie Sand am Tyrrhenischen Meer: Manche Menschen halten Verbrenner für weniger umweltschädlich als E-Autos, andere bemängeln hohe Kosten oder die kurze Lebensdauer von Akkus – doch das unsinnigste Scheinargument, das mich seit jeher ärgert, ist: „Aber ich muss doch einmal im Jahr in den Urlaub nach Italien fahren.“ Das ist ein bisschen so wie der Kauf eines Sprinters, weil man ab und zu mal umzieht.

Aber gut, die geballte Desinformation bringt Menschen wie @DerGraslutscher, @Elektro_Robin oder @Leon_Zippel auch reichlich Arbeit. Auf diversen Social-Media-Kanälen und Blogs busten sie scheinheilige E-Auto-Mythen, prüfen vermeintliche Durchbrüche anderer Technologien und zerrupfen falsche oder aus dem Kontext gerissene Infos. Eine Sache wollte ich jedoch unbedingt selbst ausprobieren: eine Fahrt nach Italien mit einem Elektroauto. Heute liest du, was ich dabei erlebt habe, wie alltagstauglich das E-Auto ist und was die Fahrt gekostet hat.

Auf einem Supermarkt-Parkplatz in Grosseto (Toskana) steht ein Tesla-Supercharger

Den Entschluss zur Reise habe ich bereits vor einem Jahr gefasst, als ich zufällig eine Tesla-Schnellladestation vor einem Supermarkt in der toskanischen Provinzhauptstadt Grosseto sah. Das Testfahrzeug ist ein Tesla Model 3 Standard Range Plus mit 52,5 kWh Netto-Energieinhalt der Batterie – also das Fahrzeug mit der kürzesten Reichweite, das Tesla baut. Das dürfte bei 130 km/h auf der Autobahn in etwa einer realen Reichweite von 300 bis 330 Kilometern entsprechen. In Hamburg geht es mit ca. 80 Prozent Akkuladezustand Anfang September in der Rush Hour durch den Elbtunnel. Die erste Etappe führt bis in mein Elternhaus in Bayern, wo wir dank der cleveren Tesla-Routenplanung stressfrei, nach drei Ladestopps, 110 geladenen kWh und rund eineinhalb Stunden verlorener Zeit ankommen. Immerhin: Beim letzten Stopp haben wir das Abendessen erledigt.

Die Planung der besten Route gelingt mit Apps wie ABRP

Über Nacht lädt das Auto mit dem 230-Volt-Stecker am Hausnetz, was zwar im Verhältnis zu regulären Ladestationen ineffizient ist, aber dennoch reicht, um mit gut 80 Prozent Ladestand und 25 kWh zusätzlich am nächsten Tag Richtung Österreich zu einer Hochzeit zu starten. Ohne weiteren Stopp erreichen wir den Zielort bei Zell am See, wo es am Hotel überraschenderweise eine kostenlose Ladestation gibt. Von dort geht es über Pässe in Richtung Adria, oft scheint das Auto die beim Bergauffahren verlorene Energie zurückgewinnen zu können, jedoch lässt nach mehreren Stunden Passfahrt die Rekuperation nach, vermutlich wurde die Batterie zu warm.

In Italien sind die Ladestationen von Tesla, Ionity und Co. oft an nicht einladenden Orten zu finden: An den von vielen geliebten Autogrill-Rastplätzen herrscht Fehlanzeige, oft muss man sich dort mit dem Mittagessen und Espresso to go eindecken, um sein 30- bis 40-minütiges elendes Dasein auf dem Parkplatz einer amerikanischen Hotelkette oder der Tiefgarage eines Einkaufzentrums zu fristen. In letzterem kann man sich immerhin die Beine vertreten. Wenn einem das mehrmals am selben Tag bevorsteht, verfliegt schnell die Elektro-Romantik. 

An einigen Hotels gibt es bereits kostenlose Ladestationen

Am Urlaubsort selbst fehlt es spürbar an der wichtigen Infrastruktur. Zwar spendet der eingangs erwähnte Tesla-Supercharger regelmäßig 300 Kilometer Reichweite, doch gerade bei Ausflügen wäre es schön, wenn es mehr Alternativen gäbe. Hier sind viele toskanische Küstenorte noch unter- oder gar nicht versorgt, 15-minütige Fußwege von der einzigen Ladestation zum Hafen die Regel. Zwar rollen mir keine Schweißperlen von der Stirn, weil ich die richtigen Apps zur Planung der Ladestopps im Gepäck habe, aber schön wäre es, wenn Italien da schon weiter wäre. Richtig macht es Piombino: Dort stehen an sinnvollen Orten, wie etwa einer Burg Ladestationen. An den beiden Abenden vor der Abreise laden wir wieder am Hausstrom voll, um eine möglichst lange erste Etappe zu schaffen. Auffällig: Fast ausschließlich deutsche E-Autofahrer*innen tummelten sich in der Toskana. 

Das Navi des Testwagens schlägt automatisch Ladestopps bei Tesla-Superchargern vor. Oft stehen dort günstigere Alternativen (z. B. Allego per Bonnet-App) zur Verfügung

Die Rückfahrt ist ein echter Ritt: Samstags geht es zu viert statt zu zweit mit voll beladenem Auto von der Toskana nach Bayern, am Sonntag direkt weiter nach Hamburg. Ohne Probleme, auch wieder dank der automatischen Ladestopp-Planung, die für Fernreisen unverzichtbar ist. 4.450 Kilometer Gesamtdistanz haben, das Aufladen an den 230-Volt-Steckdosen im Elternhaus und im Ferienhaus eingeschlossen, 340 Euro gekostet. Das entspricht einem Verbrauch von 16,64 kWh und einem Preis von 7,63 Euro pro 100 Kilometer. Aufgrund einer Aktion der App Bonnet, die FUTURE MOVES auch im Elektroauto-Starter-Kit empfiehlt, ist mehrfach das Aufladen an Ionity- und Allego-Ladestationen in Deutschland günstiger gewesen, weshalb der Strompreis um 37 Euro gesamt und auf auf 6,79 Euro pro 100 Kilometer gedrückt werden konnte. Hinzu kamen rund 117 Euro Maut.

Fazit

Ja, man verliert Zeit, rund eineinhalb Stunden pro 800-Kilometer-Etappe, und das nervt ein bisschen. Aber die Reise nach Italien ist mit dem E-Auto möglich, vor allem aber preislich und aus Klimasicht allemal erschwinglicher als zwei oder gar vier Flüge plus Mietwagen.